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Sehnsucht

Der Herbst steht vor der Tür. Die Jahreszeit, die ich am liebsten habe. Unendlicher Regen und wütender Sturm, der an den Fenstern rüttelt. Ein gutes Buch, ein warmer Tee. Sich nassregnen lassen und dem Sturm entgegen stellen.Und du. Ich bin mir nicht sicher woher das plötzlich kommt. Es ist schon lange her, 1,5 Jahre habe ich dich nicht mehr gesehen, deine Stimme gehört, dich gespürt. Der Schlussstrich war wichtig für mich und unendlich schwer. Irgendwann hatten wir losen und belanglosen Kontakt und dann sitze ich heute auf der Couch, nach dem Mittagessen, die Sonne scheint, der Kater schnarcht. Da landet mein Gedankengang bei dir. Und plötzlich ist da eine solche Sehnsucht, dass mir der Atem stockt, die Seele brennt und der Magen sich schmerzhaft zusammen zieht.Ich denke nicht an das was war, nicht dass ich dich spüren will. Die Sehnsucht verzerrt sich nicht nach Vergangenem sondern nach dir als Mensch. Dich jetzt lachen sehen, bei dir sein. Kaffee trinken, spazieren, philosophieren. Der Schmerz überwältigt mich regelrecht und lässt mich verwirrt und leer zurück. Und in mir reift die Erkenntnis, dass ich nicht über dich hinweg bin. Du bist immer noch da indem du fehlst.
10.9.17 22:02


Ich bin irritiert. Manchmal. Von mir selbst. Dann bin ich unsicher, ob ich mir trauen kann. Ob ich wirklich will, was ich sage oder ob ich mir das vielleicht nur selbst einrede.Bin ich tatsächlich beziehungsunfähig? Ist das vielleicht nur eine Entschuldigung mir selbst gegenüber. Ein Schutz. Zu sagen ich bin nicht einsam. Zu sagen Beziehungen engen mich ein. Zu sagen ich will keine Kompromisse. Zu sagen ich will frei sein. Ist das vielleicht nur Trotz. Trotz, weil ich so lange keine Kompromisse machen musste. Weil ich so lange nicht in einer Umarmung fast erstickt bin. Weil ich so lange keine Zweisamkeit gespürt habe, dass ich vergessen habe, dass dieses permanente Gefühl Einsamkeit ist?Ich bin mir unsicher. Nur manchmal. Nur wenn ich eingerollt auf der Couch Liebesfilme schaue, mit einem Glas Wein. Nur wenn mir die Arbeit Zeit lässt zur Ruhe zu kommen. Dann bin ich irritiert. Manchmal. Von mir selbst. Dann bin ich unsicher, ob ich mir trauen kann.
23.7.17 20:59


Lust

Ich hab es getan. Wieder. Nach über einem halben Jahr hatte ich Sex. Unverbindlich, wie so viele Male zuvor.Ich bin mir nicht sicher, ob ich das wirklich gebraucht habe. Tiger und ich haben uns ein ruhiges Leben eingerichtet. Arbeiten, mit Freunden ausgehen und in den Urlaub fahren. Wir haben es behaglich, sind ungestört und frei. Von dem Gedanken zu heiraten, Kinder zu bekommen und mit der Familie in einem kleinen Haus mit Garten außerhalb der Stadt zu wohnen, habe ich mich schon vor langer Zeit verabschiedet.Ich denke, ich bin einfach kein Beziehungsmensch, ich brauche zu viel Freiraum.Und auch Sex hat mir nicht wirklich gefehlt und dann tauchst du wieder auf - meine Liasson, nach so langer Zeit. Unser Sex war immer gut. Es war unkompliziert mit dir und ich dachte, ich ergreife die Chance, kann ja nicht schaden. Das dachte ich jedenfalls.Sei unbesorgt, ich habe mich nicht nach all dieser Zeit plötzlich Hals über Kopf in dich verliebt. Du bist nicht der Grund, weshalb alles aus dem Ruder lief. Auch nicht unser Sex. Es waren die wenigen Minuten danach. Unsere ritualisierte Zigarette danach. Auf dem Balkon, ganz nah. Du hast mich festgehalten und geküsst und wir haben geplaudert. Wie immer. Nur dieses Mal anders. Du warst nicht der Grund. Du warst der Auslöser.Der Auslöser dafür, dass ich spürte, dass meine kleine perfekte Welt doch nur eine Fassade ist. Dass ich nicht alleine bleiben will. Dass mir zwischenmenschliche Nähe, Geborgenheit und Liebe fehlen. Es war so lang her, dass ich die Haut eines anderen auf meiner gespürt habe, dass jemand so nah war.Und mein Körper hat geschrien nach der Nähe, nach dem Gefühl deines Atems auf meiner Haut. Nicht vor Lust sondern vor Sehnsucht danach, dass da irgendwo doch jemand ist, den ich lieben, dem ich nah sein kann, den ich vielleicht sogar heiraten möchte.Du bist nicht der Grund, aber der Auslöser dafür, dass ich meine Einsamkeit wieder spüre.
14.7.17 21:22


Seiltanz bei Orkanwarnung

Die letzten Monate mit ihm waren wie ein nicht enden wollendes Schleudertrauma. Immer hin- und hergeworfen zwischen seinen sich stets drehenden Stimmungen. Manchmal fiel es ihr sogar schwer nicht den Anschluss zu verlieren. Auf tiefste, innige und herzerweichende Momente folgten manchmal euphorische Wochen voller Nähe. Doch genauso schnell , wie diese Momente kamen, genauso plötzlich konnte alles in das Gegenteil umschlagen, dann folgten Schweigen, Distanz, oft auch Verletzungen. Einen Auslöser dafür konnte sie nie wirklich erkennen. Manchmal vermutete sie, je schöner es gewesen war, desto stärker fielen seine Verletzungen aus. Also befand sie sich in einem permanenten Stadium der Aufmerksamkeit, versuchte Anzeichen auf drohendes Unheil bestmöglich vorauszuahnen. Bisweilen klappte das auch, ab und an überraschte er sie, weil seine Liebe ganz plötzlich grenzenlos schien. Dann plante er gemeinsamen Urlaub, kaufte bereits Reiseführer und plante Tagestouren. Doch es gab auch ganz andere Momente, wenn er wieder fast beiläufig von einem Date erzählte, das er am Wochenende hatte. Sie hatte immer gewusst, dass sie unmöglich zusammen alt werden würden. Dauerhaft würde sie diese distanzierte und oft schroffe Art nicht aushalten können. Insgeheim hielt sie ihn für beziehungsunfähig und hatte ihm dies sogar einmal an den Kopf geworfen, er hatte es nicht einmal abgestritten. Ihren Freunden hatte sie aufgehört zu erklären, was sie so sehr an ihm anzog, dass sie doch immer und immer wieder schwach wurde, wohlwissend, dass der nächste Absturz nur Minuten entfernt sein konnte. Sich mit ihm zu umgeben war wie Seiltanzen während einer Orkanwarnung. Sie hatte schließlich allen mitgeteilt, dass es wohl solange bei diesem Himmelfahrtskommando bleiben würde, bis einer von ihnen sich tatsächlich ernsthaft, kompromisslos und unendlich verlieben würde. Im Stillen hatte sie oft gebetet, es möge nicht er sein, der schließlich ein neues Objekt der Begierde um den Finger wickeln würde, denn sie musste sich eingestehen, dass sie selbst nicht wusste, wie sie mit dieser Situation dann umgehen sollte. Dass es jetzt sie war, die ganz plötzlich, am tiefsten Punkt ihres verhängnisvollen Intermezzos Gefühle für einen anderen Mann entwickelte, traf sie völlig unvorbereitet. Es schien wie ein lange erhoffter Wink des Himmels, dass die Zeiten des unendlichen Aufs und Abs ein für alle Mal vorüber waren. Dass sie selbst wieder die Macht über ihr Herz zurückerobert hatte und dass dieses tatsächlich soweit unbeschadet geblieben war, dass es beim Anblick eines anderen in ein rasantes und kraftvolles pulsieren verfallen war. Manchmal dachte sie noch an ihn. Ärgerte sich für einen Moment, dass er ihre Offenbarung, er habe den Bogen nun endgültig überspannt und er solle in naher Zukunft keine Nachrichten von ihrer Seite erwarten, so klaglos - ja schweigend hingenommen hatte. Dass er bis heute keinen Versuch unternommen hatte, die Wogen zu glätten. Dass er selbst nun beharrlich schwieg und ihr den Eindruck vermittelte, er habe sie achselzuckend abgeschrieben. Doch bereits nach wenigen Sekunden war die Wut verflogen und sie erkannte, dass gerade dies ihre Entscheidung nur bestätigte. Sie hatte ihre Freunde nicht belogen und auch sich selbst nicht. Tatsächlich hatte sie sich gelöst, hatte jemanden gefunden, dem sie vertrauen konnte, dem sie nah sein konnte, der sie nicht absichtlich verletzte. Und das erste Mal seit vielen Monaten fühlte sich das Leben nicht an wie ein Schleudertrauma, es fühlte sich an, als würde sie an einem milden Frühlingstag spüren, wie die Sonnenstrahlen ganz sanft ihre wunde Seele streichelten.
2.6.16 21:17


Zehn Tage

Seit zehn Tagen haben wir uns nicht gesehen. Dafür mindestens 500 Nachrichten hin und hergeschickt. Über das was vor zehn Tagen gewesen ist, schweigen wir. Wahrscheinlich wagen wir nicht einmal daran zu denken. Nicht weil wir es bereuen, sondern weil wir einfach nicht wissen was es bedeutet hat.

Im Prinzip war klar, dass das passieren würde. Es war mir klar und es war dir klar. Schon in dem Moment als ich eine Übernachtungsmöglichkeit gesucht habe und spätestens als du behauptet hast, dass du auf der Couch schlafen würdest.

Schon auf der Party konnte ich eigentlich nur noch an dich denken. In meinem Kopf hatte ich so viele kluge Sätze aneinandergereiht, als es wichtig war verließ nicht ein einziger meinen Mund.

Als du ganz frech in das gleiche Bett geschlüpft bist, bin ich nicht aufgestanden, um auf die Couch zu gehen und als dein Kopf auf meine Schulter sank habe ich mich nicht weggedreht, sondern dir in die Augen geschaut.

Vielleicht habe ich gehofft, dass dir meine Augen zeigen, was mein Verstand dir nicht sagen konnte. Wie sehr du mir fehlst, wie verletzlich ich bin. Du hast mich trotzdem  geküsst und ich habe mich dir hingegeben. Ein stiller Kuss. Leise. Sanft. Ich habe all die Sehnsucht gespürt, die uns begleitet, seit du beschlossen hast, dass es nicht funktionieren kann. Es war nicht wild, nicht als müssten wir einen unendlichen Hunger stillen. Es war zart, ein bisschen ängstlich, die Angst davor zu zerbrechen und genau jetzt etwas kaputt zu machen. Ein Herz oder zwei Herzen.

Es hat sich so tief angefühlt, so richtig. Dieser Kuss war perfekt. Und ganz plötzlich war alles wie es immer war zwischen uns. Nah und vertraut. Bis ich wieder gehen musste.

Der Kuss steht nicht zwischen uns, er verbindet uns mit einem Fragezeichen. War seine Bedeutung groß genug? War das der Start für 2.0 oder doch nur ein letzter Moment dessen was wir hatten und von dem wir uns verabschieden müssen?

Vielleicht brauchen wir Zeit. Vielleicht sollten wir uns einfach öfter küssen. Vielleicht sollten wir auf unsere Seelen hören, damit aus dem Fragezeichen ein Ausrufezeichen wird.

2.6.16 21:17


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