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Seiltanz bei Orkanwarnung

Die letzten Monate mit ihm waren wie ein nicht enden wollendes Schleudertrauma. Immer hin- und hergeworfen zwischen seinen sich stets drehenden Stimmungen. Manchmal fiel es ihr sogar schwer nicht den Anschluss zu verlieren. Auf tiefste, innige und herzerweichende Momente folgten manchmal euphorische Wochen voller Nähe. Doch genauso schnell , wie diese Momente kamen, genauso plötzlich konnte alles in das Gegenteil umschlagen, dann folgten Schweigen, Distanz, oft auch Verletzungen. Einen Auslöser dafür konnte sie nie wirklich erkennen. Manchmal vermutete sie, je schöner es gewesen war, desto stärker fielen seine Verletzungen aus. Also befand sie sich in einem permanenten Stadium der Aufmerksamkeit, versuchte Anzeichen auf drohendes Unheil bestmöglich vorauszuahnen. Bisweilen klappte das auch, ab und an überraschte er sie, weil seine Liebe ganz plötzlich grenzenlos schien. Dann plante er gemeinsamen Urlaub, kaufte bereits Reiseführer und plante Tagestouren. Doch es gab auch ganz andere Momente, wenn er wieder fast beiläufig von einem Date erzählte, das er am Wochenende hatte. Sie hatte immer gewusst, dass sie unmöglich zusammen alt werden würden. Dauerhaft würde sie diese distanzierte und oft schroffe Art nicht aushalten können. Insgeheim hielt sie ihn für beziehungsunfähig und hatte ihm dies sogar einmal an den Kopf geworfen, er hatte es nicht einmal abgestritten. Ihren Freunden hatte sie aufgehört zu erklären, was sie so sehr an ihm anzog, dass sie doch immer und immer wieder schwach wurde, wohlwissend, dass der nächste Absturz nur Minuten entfernt sein konnte. Sich mit ihm zu umgeben war wie Seiltanzen während einer Orkanwarnung. Sie hatte schließlich allen mitgeteilt, dass es wohl solange bei diesem Himmelfahrtskommando bleiben würde, bis einer von ihnen sich tatsächlich ernsthaft, kompromisslos und unendlich verlieben würde. Im Stillen hatte sie oft gebetet, es möge nicht er sein, der schließlich ein neues Objekt der Begierde um den Finger wickeln würde, denn sie musste sich eingestehen, dass sie selbst nicht wusste, wie sie mit dieser Situation dann umgehen sollte. Dass es jetzt sie war, die ganz plötzlich, am tiefsten Punkt ihres verhängnisvollen Intermezzos Gefühle für einen anderen Mann entwickelte, traf sie völlig unvorbereitet. Es schien wie ein lange erhoffter Wink des Himmels, dass die Zeiten des unendlichen Aufs und Abs ein für alle Mal vorüber waren. Dass sie selbst wieder die Macht über ihr Herz zurückerobert hatte und dass dieses tatsächlich soweit unbeschadet geblieben war, dass es beim Anblick eines anderen in ein rasantes und kraftvolles pulsieren verfallen war. Manchmal dachte sie noch an ihn. Ärgerte sich für einen Moment, dass er ihre Offenbarung, er habe den Bogen nun endgültig überspannt und er solle in naher Zukunft keine Nachrichten von ihrer Seite erwarten, so klaglos - ja schweigend hingenommen hatte. Dass er bis heute keinen Versuch unternommen hatte, die Wogen zu glätten. Dass er selbst nun beharrlich schwieg und ihr den Eindruck vermittelte, er habe sie achselzuckend abgeschrieben. Doch bereits nach wenigen Sekunden war die Wut verflogen und sie erkannte, dass gerade dies ihre Entscheidung nur bestätigte. Sie hatte ihre Freunde nicht belogen und auch sich selbst nicht. Tatsächlich hatte sie sich gelöst, hatte jemanden gefunden, dem sie vertrauen konnte, dem sie nah sein konnte, der sie nicht absichtlich verletzte. Und das erste Mal seit vielen Monaten fühlte sich das Leben nicht an wie ein Schleudertrauma, es fühlte sich an, als würde sie an einem milden Frühlingstag spüren, wie die Sonnenstrahlen ganz sanft ihre wunde Seele streichelten.
2.6.16 21:17


Zehn Tage

Seit zehn Tagen haben wir uns nicht gesehen. Dafür mindestens 500 Nachrichten hin und hergeschickt. Über das was vor zehn Tagen gewesen ist, schweigen wir. Wahrscheinlich wagen wir nicht einmal daran zu denken. Nicht weil wir es bereuen, sondern weil wir einfach nicht wissen was es bedeutet hat.

Im Prinzip war klar, dass das passieren würde. Es war mir klar und es war dir klar. Schon in dem Moment als ich eine Übernachtungsmöglichkeit gesucht habe und spätestens als du behauptet hast, dass du auf der Couch schlafen würdest.

Schon auf der Party konnte ich eigentlich nur noch an dich denken. In meinem Kopf hatte ich so viele kluge Sätze aneinandergereiht, als es wichtig war verließ nicht ein einziger meinen Mund.

Als du ganz frech in das gleiche Bett geschlüpft bist, bin ich nicht aufgestanden, um auf die Couch zu gehen und als dein Kopf auf meine Schulter sank habe ich mich nicht weggedreht, sondern dir in die Augen geschaut.

Vielleicht habe ich gehofft, dass dir meine Augen zeigen, was mein Verstand dir nicht sagen konnte. Wie sehr du mir fehlst, wie verletzlich ich bin. Du hast mich trotzdem  geküsst und ich habe mich dir hingegeben. Ein stiller Kuss. Leise. Sanft. Ich habe all die Sehnsucht gespürt, die uns begleitet, seit du beschlossen hast, dass es nicht funktionieren kann. Es war nicht wild, nicht als müssten wir einen unendlichen Hunger stillen. Es war zart, ein bisschen ängstlich, die Angst davor zu zerbrechen und genau jetzt etwas kaputt zu machen. Ein Herz oder zwei Herzen.

Es hat sich so tief angefühlt, so richtig. Dieser Kuss war perfekt. Und ganz plötzlich war alles wie es immer war zwischen uns. Nah und vertraut. Bis ich wieder gehen musste.

Der Kuss steht nicht zwischen uns, er verbindet uns mit einem Fragezeichen. War seine Bedeutung groß genug? War das der Start für 2.0 oder doch nur ein letzter Moment dessen was wir hatten und von dem wir uns verabschieden müssen?

Vielleicht brauchen wir Zeit. Vielleicht sollten wir uns einfach öfter küssen. Vielleicht sollten wir auf unsere Seelen hören, damit aus dem Fragezeichen ein Ausrufezeichen wird.

2.6.16 21:17


Muhammad und Juljan - zwei Prototypen

Viele sagen, wir haben keinen Platz für all die Flüchtlinge, keine Kapazitäten alle diese Menschen aufzunehmen.

Viele sagen, es wird Konflikte geben, die Demokratie werde gefährdet, der Sozialstaat überlastet. Die Wirtschaftsflüchtlinge müssten auf jeden Fall zurückgehen, dahin woher sie gekommen sind. Sie hätten kein Recht auf Asyl, sie wollen uns nur auf der Tasche liegen.

Flüchtlinge könnten nicht integriert werden. Sie würden unsere Wohnungspreise in die Höhe treiben, unser Land überfremden.

Für sie ist in unserem reichen Land kein Platz, heißt es.

Ich arbeite mit ihnen. Jeden Tag. Mit den Kindern. Mit Kriegsflüchtlingen aus Syrien, mit Wirtschaftsflüchtlingen aus Albanien. Mit den Kleinen, die am allerwenigsten dafür können. Ich höre ihre Geschichten, ich sehe in ihre Gesichter.

Jede Woche erreichen uns neue Kinder, die in meine Schule gehen. Die Geschichten berühren, jede einzelne. Aus bloßen Zahlen, werden Individuen. Jeder mit eigenen Gründen für die Flucht.

Da ist der kleine Juljan, der im Februar mit seiner Familie nach Deutschland gekommen ist. In Albanien waren sie Ziegenhirten, knapp 150 Ziegen und einen Hund hatte die Familie dort. Doch das Leben war hart und das Geld reichte kaum, um zu überleben. Die Eltern sahen keine Perspektive für ihre beiden Kinder. Also verkauften sie alles. Ihre Ziegen und ihr Haus. Sie fanden einen Schleuser der sie nach Deutschland brachte. Juljan hätte gerne auch seinen Hund mitgenommen, aber das ging natürlich nicht. Für Haustiere und Erinnerungsstücke gab es nicht genügend Platz. Um den Hund wollte sich niemand kümmern, ein weiteres Maul wollte keiner der Nachbarn stopfen müssen. Also musste der kleine Juljan mitansehen, wie man seinen Hund erschoss.

Er ist ein kluges Kind, sein Deutsch ist inzwischen fast perfekt. Zweimal die Woche bekommt er noch Deutschunterricht, sonst arbeitet er in der Klasse mit. In Mathe ist er der schnellste und in Englisch der beste. Er ist beliebt, jeder möchte mit ihm arbeiten, auf dem Schulhof ist er immer mitten drin. Er ist ehrgeizig und entschlossen. Gerade habe ich mit der Schulleitung verhandelt, ihn auf ein Gymnasium zu schicken. Dann die Nachricht. Im nächsten Monat ist ihre Anhörung wegen des Asylantrags, Albanien ist inzwischen ein sicherer Drittstaat. Das weiß auch die Familie. Sie stellen sich darauf ein, dass sie Deutschland bald wieder verlassen müssen. Was dann mit ihnen passieren wird, weiß keiner. In ihrer Heimat besitzen sie nichts mehr. All ihr Erspartes haben sie für die Schleuser bezahlt. Sie sind verzweifelt, aber Juljan ist tapfer. Er lernt weiter Deutsch. Er gibt die Hoffnung nicht auf.

Dann ist da Muhammad. Er geht jetzt in die 10. Klasse, am Montag ist er mit seinem kleinen Bruder an der Hand in unsere Schule gekommen. Sein Bruder ist 12. Seit zwei Wochen sind sie in Deutschland. Nur die zwei. Sie waren Monate auf dem Weg von Syrien nach Deutschland. Wo ihre Eltern sind, ist unbekannt. Sie sprechen kein Deutsch, kein Englisch. Zwei Kinder, monatelang allein auf der Flucht. In einem fremden Land angekommen. Muhammad ist stark für seinen Bruder. Die Lehrer kommunizieren über eine arabisch-app mit ihm. Er will unbedingt so schnell es geht Deutsch lernen. Am Mittwoch habe ich Pausenhofaufsicht. Als ich am Fußballplatz vorbeikomme muss ich lächeln. Muhammad steht im Tor. Zwanzig Jungs fegen in wildem Eifer über den Fußballplatz. Sie sind zwischen 10 und 16. Sie spielen alle gemeinsam. Für sie macht es keinen Unterschied wie alt sie sind und woher sie kommen. Sie haben schnell erkannt, das Muhammad ein guter Torwart ist, dass er ihre Sprache nicht versteht ist ihnen egal.

Zwei Beispiele von so vielen. Alle Flüchtlinge an unserer Schule haben schwere Schicksale erlitten, egal ob sie aus dem Krieg oder aus Armut geflohen sind. Sie haben unendliche Strapazen auf sich genommen, um hier ein besseres Leben zu finden. Sie haben alles aufgegeben und zurückgelassen. Sie sind tapfer und stark und sie wollen unbedingt hier eine Heimat finden. Sie lernen Deutsch, sie integrieren sich. Sie geben ihr bestes.

Keiner von ihnen hat es verdient zurückgeschickt zu werden. Keiner von ihnen sollte beschimpft werden. Jeder dieser hundertausenden von Flüchtlingen hat seine Geschichte. Und wir haben die Ressourcen, das Geld und den Platz, um sie aufzunehmen. Sie sind gekommen um hier zu leben, um zu arbeiten, teilzunehmen und glücklich zu sein.

Meine Schüler zeigen wie es geht. Es ist erst einmal nicht wichtig welche Sprache sie sprechen oder woher sie kommen, wichtig ist nur, was sie können und dass sie hier sein wollen.

17.10.15 15:14


Wenn es brennt

Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob dir bewusst ist, was du mit mir machst. Wie sehr mein Herz brennt, wenn deine Nachricht in meinem Display erscheint. Dann frage ich mich, weshalb du mir schreibst. Weshalb einer von uns immer wieder damit beginnt. Weshalb wir nicht einfach alles Ruhen lassen können. Dann würden wir vielleicht auch Ruhe finden, es würde uns helfen. Aber ich will nicht auf dich verzichten. Auf deine analytische und kluge Denkweise. Deinen Humor, die Ernsthaftigkeit und die Tiefgründigkeit unserer Gespräche. Du bist noch immer der klügste Mensch, den ich kenne. Und noch immer liebe ich dich. Kein einziges Mal in all der Zeit habe ich dir das gesagt. Ich habe gespürt, dass das unangemessen gewesen wäre. Aber ich bin mir sicher, dass du es gewusst hast. Dass du versucht hast dich zurückzuziehen, um mich nicht noch mehr zu verletzten. Doch irgendetwas zieht uns immer wieder zueinander zurück. Mal bin ich es, mal bist du es, der zu seinem Handy greift und irgendeine Banalität verschickt. Niemals die Frage wie es dem anderen geht, oft einfach nur etwas, das am Tag passiert ist. Etwas das wir miteinander teilen möchten. Manchmal nur ein Link, ein Bild, ein kurzer Text. Und dann beginnt es wieder von vorn. Ein langes intensives Gespräch, manchmal über Stunden, manchmal nur für ein paar Minuten. Doch jede einzelne Nachricht verstärkt dieses verdammte Brennen. Diese Sehnsucht nach dir. So oft würde ich dich gerne in die Seite knuffen, wenn du mich an die Wand diskutierst, oder dich in den Arm nehmen, wenn dir alles zu viel wird. So oft meinen Kopf auf deine Schulter legen und wieder spüren, wie du mir durch die Haare streichst, wenn meine Kids einfach zu viel für mich waren. Kurz erliege ich dann der Vorstellung, dass alles noch wie früher ist. Auch weil sich unsere Gespräche genau wie früher anfühlen, genauso tief und vertraut. Doch es kommt jedes Mal ein Moment, in dem einer von uns realisiert, dass es das alles nicht mehr gibt. Dass es uns nicht mehr geben kann, nicht mehr geben wird. Und dann entsteht wieder diese Distanz, unser Gespräch bricht ab. Wir beide schweigen. Wie oft scrolle ich dann durch meine Kontaktliste und bleibe bei dir hängen. Plötzlich fallen mir Millionen Dinge ein, die ich doch ganz dringend sagen wollte. Hundert mal öffne und schließe ich das Fenster. Verbiete mir den Kontakt wieder aufzunehmen. Verbiete mir, mich wieder diesem Brennen auszusetzen. Manchmal schaue ich auf das Datum, wann haben wir zu letzt gesprochen, ist es lange genug her, damit ich dir schreiben kann? Oft halte ich durch, manchmal knicke ich ein. Länger als 24 Stunden schweigen wir nie. Einer gibt immer auf. Einer hat immer etwas zu sagen. Beide kommen wir nicht los. Loslassen. Das schaffen wir nicht. Ich schaffe es nicht. Ich will es vielleicht auch nicht. Ob du weißt, wie sehr es brennt deine Nachricht zu sehen, das kann ich nur ahnen.
2.6.16 21:17


Wege

Es würde einen Ausweg geben, den gab es immer. Jeder sammelte in seinem Leben die gleichen Erfahrungen und jeder fand irgendwann einen Weg für sich, das wusste sie.

Für sie war immer das Vergessen schwierig gewesen. Zu vergessen wie seine Haut schmeckte, wie es sich anfühlte, durch sein Haar zu streichen oder das Geräusch, das er machte, wenn man ihn am Arm kitzelte.

Das war das wirklich schwierige daran. Erinnerungen an Situationen und Gespräche konnte sie gut in ihrem Inneren verschließen. Doch die Gerüche und Gefühle waren in sie hinein gebrannt.

Es fühlte sich an, als hätten sich seine Fingerspuren in die Haut gefressen, der Duft sich in ihrer Nase festgesetzt.

Sie kannte das, es war ihr immer so ergangen und ihre Strategie war es gewesen neue Fingerspuren, neue Düfte, Töne und Geschmäcker über die alten zu legen, bis diese sich vermischten und schließlich verschwanden.

Es war widerlich und manchmal schämte sie sich dafür. Sie hatte inzwischen so viele Männer gebraucht um andere vergessen zu können. 

Das war also ihr Weg, ihr Ausweg, dachte sie, als sie sich auf die Suche begab. Sie musste jemanden finden, der die quälenden Spuren verschwinden lies, bevor die Ränder unter ihren Augen noch tiefer und die Wangen noch eingefallener wurden. 

Meistens war es kein Problem gewesen jemanden zu finden, es fand sich immer jemand, der bereit war sie zu benutzen. Und auch heute hatte sie es geschafft.

Doch der Abend war nicht verlaufen, wie sie sich das vorgestellt hatte. Irgendetwas in ihr hatte sie daran gehindert. Sie hatte gespürt, dass es nicht viel gebraucht hätte, um ihn davon zu überzeugen, ihr Vergessen zu schenken.

Beinah wäre es soweit gekommen, nah gekommen waren sie sich schnell. Aber etwas hielt sie an diesem Abend auf. Sie konnte es nicht über sich bringen. Sie hatte kein Kraft dafür, die zarten Fingerspitzen zu vergessen, das süße Gefühl seines Atems auf ihrer Haut. Wollte nicht vergessen, was sie in seinen Augen gesehen hatte. 

Die Wärme dieses Mannes hatte sich so falsch angefühlt und statt zu vergessen und zu überdecken, war in ihr nur noch mehr Sehnsucht gewachsen. Am liebsten hätte sie in das T-Shirt des Mannes geweint, so sehr hatte er ihr gefehlt. 

Also war sie irgendwann in ihren Wagen gestiegen, hatte stumme Tränen geweint und eingesehen, dass ihre Strategie an ihm zu scheitern drohte.

Es war an der Zeit neue Auswege zu finden, Wege von denen sie nicht wusste, ob es sie gab. Von denen sie nicht wusste, ob sie helfen würden, von denen sie nicht wusste, wo sie suchen sollte, während ihr Herz nur noch schwerer wurde.

2.6.16 21:17


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