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Muhammad und Juljan - zwei Prototypen

Viele sagen, wir haben keinen Platz für all die Flüchtlinge, keine Kapazitäten alle diese Menschen aufzunehmen.

Viele sagen, es wird Konflikte geben, die Demokratie werde gefährdet, der Sozialstaat überlastet. Die Wirtschaftsflüchtlinge müssten auf jeden Fall zurückgehen, dahin woher sie gekommen sind. Sie hätten kein Recht auf Asyl, sie wollen uns nur auf der Tasche liegen.

Flüchtlinge könnten nicht integriert werden. Sie würden unsere Wohnungspreise in die Höhe treiben, unser Land überfremden.

Für sie ist in unserem reichen Land kein Platz, heißt es.

Ich arbeite mit ihnen. Jeden Tag. Mit den Kindern. Mit Kriegsflüchtlingen aus Syrien, mit Wirtschaftsflüchtlingen aus Albanien. Mit den Kleinen, die am allerwenigsten dafür können. Ich höre ihre Geschichten, ich sehe in ihre Gesichter.

Jede Woche erreichen uns neue Kinder, die in meine Schule gehen. Die Geschichten berühren, jede einzelne. Aus bloßen Zahlen, werden Individuen. Jeder mit eigenen Gründen für die Flucht.

Da ist der kleine Juljan, der im Februar mit seiner Familie nach Deutschland gekommen ist. In Albanien waren sie Ziegenhirten, knapp 150 Ziegen und einen Hund hatte die Familie dort. Doch das Leben war hart und das Geld reichte kaum, um zu überleben. Die Eltern sahen keine Perspektive für ihre beiden Kinder. Also verkauften sie alles. Ihre Ziegen und ihr Haus. Sie fanden einen Schleuser der sie nach Deutschland brachte. Juljan hätte gerne auch seinen Hund mitgenommen, aber das ging natürlich nicht. Für Haustiere und Erinnerungsstücke gab es nicht genügend Platz. Um den Hund wollte sich niemand kümmern, ein weiteres Maul wollte keiner der Nachbarn stopfen müssen. Also musste der kleine Juljan mitansehen, wie man seinen Hund erschoss.

Er ist ein kluges Kind, sein Deutsch ist inzwischen fast perfekt. Zweimal die Woche bekommt er noch Deutschunterricht, sonst arbeitet er in der Klasse mit. In Mathe ist er der schnellste und in Englisch der beste. Er ist beliebt, jeder möchte mit ihm arbeiten, auf dem Schulhof ist er immer mitten drin. Er ist ehrgeizig und entschlossen. Gerade habe ich mit der Schulleitung verhandelt, ihn auf ein Gymnasium zu schicken. Dann die Nachricht. Im nächsten Monat ist ihre Anhörung wegen des Asylantrags, Albanien ist inzwischen ein sicherer Drittstaat. Das weiß auch die Familie. Sie stellen sich darauf ein, dass sie Deutschland bald wieder verlassen müssen. Was dann mit ihnen passieren wird, weiß keiner. In ihrer Heimat besitzen sie nichts mehr. All ihr Erspartes haben sie für die Schleuser bezahlt. Sie sind verzweifelt, aber Juljan ist tapfer. Er lernt weiter Deutsch. Er gibt die Hoffnung nicht auf.

Dann ist da Muhammad. Er geht jetzt in die 10. Klasse, am Montag ist er mit seinem kleinen Bruder an der Hand in unsere Schule gekommen. Sein Bruder ist 12. Seit zwei Wochen sind sie in Deutschland. Nur die zwei. Sie waren Monate auf dem Weg von Syrien nach Deutschland. Wo ihre Eltern sind, ist unbekannt. Sie sprechen kein Deutsch, kein Englisch. Zwei Kinder, monatelang allein auf der Flucht. In einem fremden Land angekommen. Muhammad ist stark für seinen Bruder. Die Lehrer kommunizieren über eine arabisch-app mit ihm. Er will unbedingt so schnell es geht Deutsch lernen. Am Mittwoch habe ich Pausenhofaufsicht. Als ich am Fußballplatz vorbeikomme muss ich lächeln. Muhammad steht im Tor. Zwanzig Jungs fegen in wildem Eifer über den Fußballplatz. Sie sind zwischen 10 und 16. Sie spielen alle gemeinsam. Für sie macht es keinen Unterschied wie alt sie sind und woher sie kommen. Sie haben schnell erkannt, das Muhammad ein guter Torwart ist, dass er ihre Sprache nicht versteht ist ihnen egal.

Zwei Beispiele von so vielen. Alle Flüchtlinge an unserer Schule haben schwere Schicksale erlitten, egal ob sie aus dem Krieg oder aus Armut geflohen sind. Sie haben unendliche Strapazen auf sich genommen, um hier ein besseres Leben zu finden. Sie haben alles aufgegeben und zurückgelassen. Sie sind tapfer und stark und sie wollen unbedingt hier eine Heimat finden. Sie lernen Deutsch, sie integrieren sich. Sie geben ihr bestes.

Keiner von ihnen hat es verdient zurückgeschickt zu werden. Keiner von ihnen sollte beschimpft werden. Jeder dieser hundertausenden von Flüchtlingen hat seine Geschichte. Und wir haben die Ressourcen, das Geld und den Platz, um sie aufzunehmen. Sie sind gekommen um hier zu leben, um zu arbeiten, teilzunehmen und glücklich zu sein.

Meine Schüler zeigen wie es geht. Es ist erst einmal nicht wichtig welche Sprache sie sprechen oder woher sie kommen, wichtig ist nur, was sie können und dass sie hier sein wollen.

17.10.15 15:14
 
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